Madrigal
Orlando di Lasso Thomas Tallis Josquin Desprez Giovanni Palestrina Carlo Gesualdo
         

 

Was genau ist ein Madrigal?

 

Das war meine erste Frage, als mich der Chor 1994 als Chorleiterin verpflichtete. So ungefähr wußte ich noch aus meinem Studium, dass es sich um weltlichen, mehrstimmigen a-capella-Gesang während der Renaissance (14.Jh.-17.Jh.) handeln müsste. Um einen Madrigalchor zu übernehmen fand ich das aber etwas dürftig. Tja, und dann begann ich zu recherchieren.

Damals noch "analog" in Bibliotheken, heute "digital" im Internet. Also... Die Herren Gelehrten sind sich nicht einig, woher der Name "Madrigal" kommt. Nach einer Vermutung bedeutet es "muttersprachlich". Das macht Sinn, denn bis ins 14.Jh. hinein, der Zeit der frühen Madrigale, wurde in Europa offiziell lateinisch gesungen, und das waren zumeist geistliche Lieder. Die Troubadours und Trouvères, dann die Minnesänger versuchten vom 11. Jh. bis ins 14. Jh. eine weltliche Musik zur Blüte zu bringen. Sie setzten muttersprachliche Gedichte und Verse, volkstümliche Poesie, in Musik um. Aus dieser einstimmigen mittelalterlichen weltlichen Musikform entwickelte sich schließlich die Mehrstimmigkeit und damit das Madrigal. Die frühe Form entstand in Italien und ist 2-3stimmig, es gibt 2- oder 3-zeilige Verse und so etwas wie einen Refrain. Häufig wird jede Strophe auf dieselben Noten gesungen, pro Silbe eine Note.

Als Komponisten kennen wir aus dieser Phase Guillaume de Machaut (1300-1377), Giovanni da Cascia und Landino. Das Madrigal erfreute sich großer Beliebtheit, und so findet man im 16.Jh. bereits sehr hoch entwickelte, komplexe Kompositionen auf Texte von hoher literarischer Qualität. 5-und 6-stimmige Sätze, kontrapunktische Stimmführung, polyphoner Satz, Chromatik und melismatische Linien (dies nur als Hinweis für Spezialisten) waren üblich. Die Texte waren durchkomponiert und dramatisch ausgestaltet. Basierend auf der Idee der Wiederbelebung (Renaissance) der antiken Geisteshaltung und Kunst (vor allem des Theaters) , wurde starker emotionaler Ausdruck und gesangliche Tonmalerei (z.B.: Tierlaute) gepflegt. Mit diesem starken Affekt-Ausdruck auch in Melodik und Harmonik trug das Madrigal sehr stark zur Entstehung des dramatischen Sologesangs um 1600 bei (Oper, Oratorium, Kantate). Es war auch üblich, eine oder mehrere Stimmen durch Instrumente (z.B. Laute) zu verstärken oder zu ersetzen. Berühmte Komponisten des 15.Jh.’s sind Guillaume Dufay (1400-1474), Heinrich Isaac (1450-1517) und Johannes Ockeghem (1410-1497). Im 16. Jh. schufen Giovanni Pierluigi Palestrina (1525-1594), Thomas Tallis (1505-1585) Orlando di Lasso (1532-1594) und Thomas Morley (1557-1603) unvergängliche Werke. Nach 1600 gab es noch Hanns-Leo Hassler (1562-1612), Orlando Gibbons (1583-1625) und Carlo Gesualdo (1561-1613). Natürlich ist dies nur eine kleine Auswahl. Außerdem muss gesagt werden, dass sich das Madrigal in den verschiedenen Ländern etwas unterschiedlich entwickelt hat.

Dies als klitzekleine Zusammenfassung von dem, was man alles über das Madrigal wissen kann. Persönlich bevorzuge ich allerdings die folgende Methode: Singen, Hören, Erleben und dann... tja, entweder die Musik gefällt mir und bewegt mich, oder eben nicht. Ich wünsche Ihnen, das Sie noch viel Musik entdecken, die Ihnen gefällt und dass Sie noch viel Musik erleben, die Sie berührt.

C.R.

 

Madrigal

Der Begriff Madrigal, der ursprünglich "Mandriale" lautete, stammt vermutlich von Mandra (Herde) ab. Im 14. Jahrhundert war es eine von den Troubadours übernommene Dichtform in Italien, die unter anderem von Dante, Petrarca und Bocaccio benutzt wurde. Diese Form des Madrigals war mit dem Rondeau und der Ballade verwandt. In tiefsinniger Weise setzten sich die Madrigalisten mit dem Sinn des Daseins auseinander, zu deren besten in dieser Zeit Giovanni da Cascia, Jacopo da Bologna und Francesco Landino gehörten. Im 16. und 17. Jahrhundert entwickelte sich ein neues Madrigal aus der Frottola, die damit in den Hintergrund rückte. Hier wurden die Dichtungen der italienischen Klassiker wieder vertont. Insgesamt war es ein Zeugnis für den freien Gesellschaftsgeist der Renaissance und seine feingeistige Verknüpfung mit literarischen Bestrebungen. Im Ablaufe von ungefähr 200 Jahren veränderte sich die Form des Madrigals. Noch bei Jakob Arcadelt und Philippe Verdelot war es normalerweise vierstimmig und homophon gesetzt. Auch Palestrina bediente sich dieser Form. Von Adrian Willaert und Cyprian de Rore wurde das Madrigal in kunstvoller Weise verändert. Der freie Ausdruck kam hinzu. Luca Marenzio, Gesualdo, Claudio Monteverdi durchsetzten es mit Chromatik. Des weiteren kam eine kontrapunktische Verflechtung der Stimmen auf. Das Madrigal war, wie zum Beispiel bei Orlando di Lasso, Philip de Monte, Giovanni Gastoldi und Donati, jetzt meist fünfstimmig. Um 1588 erlebte das Madrigal in England eine Blütezeit. In Deutschland kam es mit dem Chorlied in Berührung, wie es unter anderem von Hermann Schein und Heinrich Schütz gepflegt wurde. In Erinnerung an die Kunst des Madrigals nannten sich Chöre, die sich der Pflege alter Musik widmen, im 19. Jahrhundert Madrigal-Vereinigung. Auch die Komponisten des 20. Jahrhunderts beschäftigen sich mit dem Madrigal. Die Werke reduzieren sich jedoch meist auf archaisierende Nachahmungen.

aus einem Lexikon